Was, wenn es wahr ist?

Was, wenn es wahr ist? Was, wenn es wirklich stimmt, dass Aussehen im Leben eine untergeordnete Rolle spielt? Was, wenn dein Gewicht, die Anzahl deiner Falten, das Volumen deiner Haare oder die Größe deines Hinterns nichts über deine Wertigkeit als Mensch aussagen? Wenn es wahr ist, dass niemand seinen Körper mit ins nächste Leben nehmen kann? Was, wenn wirklich die inneren Werte zählen? Ja, was dann?

Das Thema Körpergefühl beschäftigt mich schon lange. (Wen nicht?) Aber gerade ist es wieder besonders aktuell, da mein viertes Baby in Kürze ein Jahr alt wird. Ein Jahr #afterbabybody also. Ein Jahr #postpartum. Seit kurzem #abgestillt. Ein Jahr nach der Geburt – das ist und war für mich immer eine innere Grenze. Ich weiß nicht genau, warum, aber ich hatte immer das Gefühl, nach Ablauf des ersten Jahres will und kann ich mich wieder etwas mehr mit mir selbst und meinem Körper beschäftigen. Ich möchte wieder mehr Sport machen, beim Essen und Trinken auch wieder mehr nur an mich denken und nicht mehr daran, ob das Baby vielleicht die Milch verweigert, wenn ich Spargel esse. Außerdem möchte ich wieder einen Großteil meiner alten Klamotten tragen können. Klingt doch ganz vernünftig, oder? So war es aber leider nicht immer.

Denn um mein persönliches Körperbild etwas besser verstehen zu können, muss ich ein paar Jahre zurückgehen. Auf obigem Bild könnt ihr mich mit meinem Papa sehen. Wir schreiben das Jahr 2004 und ich bin 1,75 m groß und wiege ungefähr 50 kg. 1,75 m bin ich immer noch. Aber 50 kg wiege ich schon lange nicht mehr. Und das ist auch gut so.

Denn damals leide ich unter Magersucht. Warum? Das ist gar nicht so einfach zusammenzufassen. Was ich sagen kann, ist, dass mich damals vieles beschäftigt und unglücklich gemacht hat. Vieles davon konnte ich nicht kontrollieren. Aber mein Essverhalten, das konnte ich kontrollieren. Und das hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Ein Gefühl von Macht. Es hat vier Jahre Therapie bedurft, um aus diesem Gedankenkarussell ausbrechen zu können. Ich würde nicht von mir behaupten, dass ich heute keinerlei Macken oder Stimmungstiefs mehr habe, aber ich kann sagen, dass ich die Essstörung mithilfe der Psychoanalyse überwinden konnte. Ich muss mir nicht mehr künstlich Kontrolle über mich bzw. mein Leben verschaffen, indem ich mich beim Thema Essen kasteie.

Was jedoch geblieben ist, ist ein etwas gestörtes Verhältnis zu meinem Körper. Ein leicht verstellter Blick. Wenn ich mich jetzt betrachte, weiß ich zwar, dass ich weder krankhaft dick noch irrsinnig dünn bin, aber wo genau ich mich auf dem Spektrum der Gewichtsklassen befinde, kann ich nicht sehen. Und auch wenn ich versuche, es nicht zu tun, so vergleiche ich mich doch mit anderen Frauen.

Nun bin ich so sehr bei Verstand, dass ich weiß, dass viele Fotos (auf Instagram, in Zeitschriften, …) extrem bearbeitet sind oder aus sehr günstigen Winkeln aufgenommen wurden etc. pp. Und ich vergleiche mich auch nicht mit Menschen, die ihren Körper zum Beruf gemacht haben, wie Models oder Schauspielerinnen. Zum Glück gibt es ja mittlerweile auch genug tolle Frauen, die sich so zeigen wie sie sind. Taryn Brumfit, Mother Pukka, Mother of Daughters oder auch bunterkundegimborly – um nur einige von ihnen zu nennen.

Es sind eher die ’normalen‘ Frauen, die anderen Mütter, die ich als Vergleich heranziehe. Die, bei denen eben nichts bearbeitet oder ‚fake‘ ist. Aber warum ist das so? Warum mache ich mir überhaupt so viele Gedanken über mein Äußeres? Warum ist es wichtig, wie viele Falten ich habe? Wie viele Speckröllchen? Welche Zahl auf der Waage steht oder auf der Jeans? Sind diese Zahlen, diese Maße wirklich das, was mich ausmacht?

Denn eigentlich bin ich doch ein recht zufriedener Mensch. Ich mag mein Leben. Ich bin dankbar für meine Familie, meinen Mann, meine Kinder. Ich bin auch sehr dankbar für meinen Körper. Er hat mir vier Kinder geschenkt. Vier Schwangerschaften hat er geduldig ertragen. Er hat mir die Geburten meiner Kinder relativ leicht gemacht. Vier Jahre haben meine Brüste meine Kinder ernährt. Und das ist wundervoll. Und es ist auch ok, dass man das (bis zu einem gewissen Maße) meinem Körper ansieht. Warum wohnt also tief in mir drin ein kleines Monster, das mir ins Ohr flüstert, dass es doch besser wäre, wenn ich schlanker und etwas muskulöser wäre? Warum kann ich auf der einen Seite gut akzeptieren, dass meine Brüste klein sind, aber nicht, dass mein Po etwas größer ist? Wen interessiert denn das? Vor allem: Wen interessiert das, der mir wirklich wichtig ist?

Wenn ich selbst an meine Freunde oder Bekannte denke, kommen mir ja auch nicht als erstes ihre Körper in den Sinn. Auch habe ich niemals gedacht: „Mensch, die Mutter von soundso ist ja irre nett. Aber leider ist sie viel zu dünn. Deswegen können wir leider nicht befreundet sein.“ Niemals habe ich über meinen Freund gedacht: „Eieieiei. Schade, dass er so muskulös geworden ist. Jetzt können wir einfach keine Freunde mehr sein.“ Niemals habe ich ein Gespräch beendet mit den Worten (oder auch nur den Gedanken!): „Sorry, deine Augenbrauen sind mir echt zu buschig. Und dieses Muttermal geht auch echt gar nicht. Mit dir möchte ich nicht sprechen.“

Warum sollte also jemand so über mich denken? Eben.

Und wie ist das mit anderen, berühmten Menschen? Wenn ich Astrid Lindgren sage, wer denkt denn dann: „Oh je, das ist doch die mit den vielen Falten.“ Niemand, oder? Man denkt an ihre Bücher, an das, was sie gesagt und geschrieben hat. Vielleicht hat man auch ihre Stimme im Ohr. Die meisten werden ein warmes Gefühl empfinden, wenn sie diesen Namen hören. Und dabei spielt ihr Körper, ihr Aussehen, eine absolut nebensächliche Rolle.

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel: Bill Withers. (Sorry, falls ihr sehr jung seid, müsst ihr den jetzt einfach mal googeln.) Wenn ich diesen Namen höre, höre ich sofort „Ain’t no sunshine when she’s gone … It’s not warm when she’s away …“ Und was sehe ich vor meinem inneren Auge? Das Album-Cover mit dem Aschenbecher, dem Whisky, der Rose und dem Kaffee. Ich sehe nicht den Mann vor mir, der da singt. Ich höre nur seine Stimme. Und mir ist es völlig wumpe, wie der Mann aussieht. Herrje, ich wusste sogar lange Zeit gar nicht, dass er schwarz ist. Denn ich hatte nur diese eine CD von ihm und darauf war er nicht zu sehen. Aber wenn ich seine Musik höre, dann bin ich sofort verzaubert und kann jedes einzelne Wort auf dem Album mitsingen.

Woran erinnert man sich überhaupt in seinem Leben? An gute Momente, nette Dinge, die gesagt wurden, Lachanfälle, Sonnenuntergänge, Küsse, Briefe, Umarmungen. An Urlaube, Partys, Unfälle, an die Geburten der Kinder, ihre ersten Schritte. Glaubt ihr, dass irgendjemand auf sein Leben zurückblickt und denkt: „Mensch, damals, was wäre das toll gewesen, wenn ich da nur dicker/dünner/weniger faltig/sonnengebräunter/weniger muskulös gewesen wäre?“ Ich glaube nicht … Ich kenne eigentlich nur das Gegenteil. Zum Beispiel von meiner Mutter, die manchmal sagt, dass sie es im Nachhinein so traurig findet, wie viel Zeit sie damit verbracht hat, sich selbst nicht schön zu finden. Oder ihren Hintern zu dick zu finden – für den sie jetzt wirklich dankbar wäre.

Und ich selbst weiß, dass ich mich auch damals, Anfang der 00er Jahre, nicht gut gefühlt habe. Obwohl ich von außen betrachtet vermutlich „Traummaße“ hatte. Ich habe mich weder schön(er), noch schlank gefühlt; geschweige denn dünn. Total bekloppt, ich weiß. Aber so war es. Ich kann leider auch am heutigen Tag nicht sagen, dass ich vollkommen zufrieden mit meinem Körper bin. Aber ich habe das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Ich rede übrigens nicht davon, sich vollkommen gehen zu lassen. Für mich persönlich ist es nach wie vor wichtig, was ich esse. Aber es geht eben nicht mehr nur darum, wieviel ich esse. Ohne Bewegung werde ich auch wahnsinnig. Wir als Familie gehen viel spazieren. Jetzt, da wir wieder einen Hund haben, noch mehr als zuvor. Wir versuchen auch so oft es geht mit dem Rad zu fahren. Und ich habe für mich entdeckt, dass mir Laufen wirklich Spaß macht und gut tut. Ob ich jemals einen Marathon laufen werde? Keine Ahnung. Aber das ist auch nicht wichtig. Das einzige was zählt, ist, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle. Und das lässt sich ziemlich sicher nicht an irgendwelchen Zahlen festmachen.

Meine drei Säulen sind die folgenden:

Ich esse, was mir schmeckt. So viel wie mir gut tut. Ich versuche es mir dabei gut gehen zu lassen. Ich lächle und rede dabei. Ich versuche, so oft es geht, in Gesellschaft zu essen. Ich versuche, mit Liebe zu kochen. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn es einmal nicht regional, bio und frisch gekocht ist. Ich gönne mir Gutes. Und dazu gehören auch mal Chips, Süßigkeiten, Kuchen oder Alkohol. Alles in Maßen. Aber wenn es sein muss, schlage ich auch gerne mal über die Stränge!

Ich versuche mich so viel zu bewegen, dass ich mich wohl fühle. An einem Tag bedeutet das, mit dem Rad zum Kindergarten zu fahren, an einem anderen Tag arbeite ich ein bisschen im Garten und wieder an einem anderen Tag jogge ich 6 Kilometer. Whatever floats my boat.

Ich übe mich darin, einen liebevollen Blick auf mich selbst zu richten. Gnädig und geduldig mit mir zu sein. Ich mag das Wort ’stolz‘ nicht. Aber ich bin dankbar für meinen Körper. Er ist ein ziemlicher #badass – er kann Kinder machen, austragen, gebären und ernähren. Da sollte es doch ein leichtes sein, ihm die ein oder andere Falte nachzusehen. Denn irgendwie müssen wir ja doch gemeinsam durch dieses Abenteuer namens Leben gehen, mein Körper und ich. So we might as well have a good time together. Alles andere ist doch verrückt.

 

Was, wenn es also wirklich wahr ist? Was, wenn es wirklich stimmt, dass Aussehen im Leben eine untergeordnete Rolle spielt? Was, wenn dein Gewicht, die Anzahl deiner Falten, das Volumen deiner Haare oder die Größe deines Hinterns nichts über deine Wertigkeit als Mensch aussagen? Wenn es wahr ist, dass niemand seinen Körper mit ins nächste Leben nehmen kann? Was, wenn wirklich die inneren Werte zählen? Was, wenn die liebevolle Akzeptanz deines Körpers vielleicht sogar der Schlüssel zum Glück ist? Wäre das nicht wunderbar?

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