blaming myself

Anna war eine meiner besten Freundinnen. An sich war sie ein toller Mensch. Aber eben leider nicht perfekt. 

Das fing schon beim Gewicht an. Sie war einige Jahre ihres Lebens viel zu dünn. Das war schon krankhaft. Nach all den Schwangerschaften und Geburten hatte sie dafür einige Kilos zu viel auf den Rippen. Ein bisschen mehr Sport hätte da wohl wahre Wunder vollbracht. Einigermaßen sportlich war sie ja, aber so richtig krasse Siege hat sie nie errungen. Auch keine Medaillen gewonnen. Naja. Werfen konnte sie – für ein Mädchen – immerhin ganz gut. 

Ich muss zugeben, dass sie außerdem einigermaßen gut in Sprachen war. Aber ihr volles Potential hat sie auch da nicht ausgeschöpft. Ich konnte nie verstehen, warum sie nicht mal einen richtigen Job daraus gemacht hat. Ich meine, dieses Muttersein alleine – das ist ja nicht erfüllend. Ansonsten hat sie ja nur so selbstständig gearbeitet. Ein bisschen übersetzen hier, ein bisschen bloggen da. Ach ja, und dieser Podcast. Naja. Ich persönlich konnte dem Ganzen ja nie etwas abgewinnen. Und an die Rente hat sie dabei wohl auch nicht gedacht. Oder was passiert, wenn ihr Mann sie mal verlässt. Leichtsinnig war das meiner Meinung nach. Fremdsprachensekretärin. Das hätte ich gut gefunden. Solide. Aber das wollte sie ja nie. 

Bei Anna Zuhause sah es immer ganz ok aus. Von perfekt kann aber auch hier nicht die Rede sein. Gerade wenn die Kinder angeblich mal wieder ‚stressig‘ waren, hat sie oft alles stehen und liegen lassen und lieber mit ihnen gespielt oder etwas mit ihnen unternommen. Keine Ahnung was die Kinder daraus lernen sollten. Ordnung jedenfalls nicht. 

Immer wenn ein neues Baby kam war der Fokus darauf besonders schlimm. Da war dann gar nichts mehr mit Ordnung und Putzen. Stattdessen Pizza bestellen und schlafen auf der Couch. Mit Baby im Arm! Mitten am Tag!

Apropos Pizza: Ich gebe zu, sie hat meistens frisch und gut gekocht. Aber immer mal wieder hat sie Sachen bestellt. Oder es gab nur Brot zum Abendessen. Sogar auf dem Wohnzimmerboden hat die ganze Familie manchmal gegessen. Vor dem Fernseher! Räuberessen haben sie das dann genannt. Naja, für mich wäre das ja nichts. Allein die ganzen Krümel auf dem Teppich hätten mich wahnsinnig gemacht. (Süßigkeiten haben ihre Kinder übrigens auch immer wieder bekommen. Aber das nur am Rande.)

Der Medienkonsum war meiner Meinung nach auch viel zu hoch. Ich verstehe nicht, warum sie ihre Kinder immer wieder vor den Fernseher gesetzt hat. Ich meine, die können doch auch rausgehen. Oder sich anderweitig beschäftigen. Ein Buch lesen zum Beispiel. 

Immer mal wieder hat sie die Kinder aber nicht nur Tablet oder sonstiges spielen lassen, sondern  sich gar nicht um sie gekümmert. Dann ist sie entweder einen Abend oder sogar manchmal ein ganzes Wochenende lang weggeblieben. Diese „Auszeiten“, wie sie es nannte, habe ich nie verstanden. Ich meine, wenn sie schon Kinder bekommt, warum kümmert sie sich dann nicht auch anständig um sie? Aber eins hat mich beeindruckt, das muss ich zugeben! Immer wenn sie weg war, hat sich ihr Mann GANZ ALLEINE um alle Kinder gekümmert. Das fand ich schon stark von ihm. Würde bestimmt nicht jeder Mann machen. 

Wie sie ihren Mann bei sich halten konnte, bleibt mir übrigens ein Rätsel. Denn, sind wir mal ehrlich: Sie hätte sich schon ein bisschen besser um sich kümmern sollen. Öfter mal zum Friseur, ein bisschen mehr Make-Up, nicht immer nur Jeans und Turnschuhe. Hätte ich schon angebracht gefunden. Denn ich sag mal so: Das Auge isst ja immer mit. 

Wo wir gerade davon sprechen: Gestillt hat sie ihre Kinder immer und überall. Ohne Rücksicht. Das fand ich nicht gerade feinfühlig. Manche Menschen fühlen sich schließlich zurecht unangenehm berührt, wenn eine Frau einfach überall ihr Baby stillt. Naja. Das war ihr immer irgendwie egal. Kein Wunder, dass sie manchmal angeeckt ist. Das Gleiche galt übrigens auch für dieses Emanzen-Thema. Gleichberechtigung, gerechte Aufgabenteilung, Mental Load. Das waren immer so Schlagworte, die sie benutzt hat. Habe ich nie so recht verstanden. Aber auch da fand ich es wieder stark, dass ihr Mann das so mitgemacht hat. 

Und diese ganze Nachhaltigkeitsgeschichte. Für die Kinder Klamotten auf dem Flohmarkt kaufen, alles so lange wiederverwenden, bis es wirklich nicht mehr zu verwenden oder zu reparieren ist, weg von Plastik, kaum Fleisch essen und lauter so ein Kram. Fand ich schon echt nervig. Und dann aber doch ab und zu bei ALDI einkaufen (weil sie angeblich keine Zeit hatte auf den Wochenmarkt zu gehen) oder mit dem Auto irgendwo hinfahren (nur weil es bei 5 Grad stark geregnet hat). Das fand ich alles viel zu inkonsequent. Meiner Meinung nach macht man etwas richtig oder lieber gar nicht. Das, was sie da versucht hat, war doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Nun gut, also zusammenfassend kann ich sagen, dass Anna an sich ein netter, aber eben auch ein schwieriger Mensch, mit vielen Fehlern, Kanten und Macken, war. Ich wünschte, sie hätte ihr Leben anders gestaltet. Und so werde ich sie immer als diesen mangelhaften Menschen in Erinnerung behalten. 

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Habt ihr einen Freund, der so über euch reden würde? Gibt es jemandem in eurem Leben, der euch wichtig ist, der so über euch denkt? Nein? Bei mir auch nicht. 

Warum verhalten wir uns dann oft so als wäre das so? 

Just sayin’.

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