SO. VIELE. GEFÜHLE.

Puh. Was sind das im Moment für emotionale Tage.

Vor elf Tagen habe ich mein viertes Kind geboren. Heute hätte sie eigentlich erst auf die Welt kommen sollen.

Heute ist aber auch der erste Todestag unseres geliebten Hundes. Er war bei uns, seit er ein kleiner Welpe war.  Als er starb, war er knapp elf Jahre alt. Das bedeutet fast elf Jahre Spaziergänge. Egal bei welchem Wetter. Fast elf Jahre Dreck, nasse Pfotenabdrücke und Hundehaare. Im Haus und im Auto. Fast elf Jahre immer der Hund im Hinterkopf. Was machen, wenn wir länger weg sind? Fast elf Jahre Urlaub mit Hund. Immer mit dem Auto. Immer dorthin wo er mitkommen durfte. Fast elf Jahre Rücksichtnahme und Kompromisse. Tierarztrechnungen, Futterkosten, Kacktüten.

Aber auch fast elf Jahre unbändige, unmittelbare und ungebremste Liebe. Linus war groß, schwarz und hat manchmal ziemlich gestunken, aber er war eine echte Seele von einem Hund. Kein Kind, kein Kindergeburtstag, kein noch so großes Geschrei konnten ihn aus der Ruhe bringen. Und auch wenn es ein Klischee ist: Es war einfach so schön, nach Hause zu kommen und zu wissen, dass er da sein und vor Freude ausrasten wird. Einfach nur, weil du heimkommst.

Die Liebe für meinen Hund war natürlich anders als die, die ich für meine Kinder empfinde. Aber dennoch bin ich auch ein Jahr später unendlich traurig und vermisse ihn wie wahnsinnig. Denn er war doch irgendwie unser erstes Kind. Er hat nie in unserem Bett geschlafen, wir haben ihn auch nicht vom Tisch gefüttert und auch sonst haben wir ihn wie einen Hund, nicht wie einen Menschen behandelt. Aber mit ihm durften mein Mann und ich üben, was es heißt, gemeinsam Verantwortung für etwas zu übernehmen. Wir konnten lernen, uns abzusprechen. Wir haben auch gelernt, dass wir uns gar nicht sonderlich oft absprechen müssen, da wir uns in Erziehungsfragen meistens einig sind. So hat uns unser Hund mit auf das Abenteuer Großfamilie vorbereitet. Auch deswegen werden wir ihn nie vergessen.

Zu diesen ganzen emotionalen Daten kommen aber auch noch so viele andere Gefühle.

Ich vermisse meinen Vater, der keines seiner bisher fünf Enkelkinder (meine vier + das Baby meiner Schwester) kennenlernen durfte.

Ich vermisse auch meinen Mann, der nach ein paar Tagen daheim wieder arbeiten gehen musste. Nicht, weil er das so gerne möchte, sondern weil er muss. Ich habe mir ja nicht ohne Grund einen emanzipierten Schweden ausgesucht ;) Aber da seine Frau – also ich – nicht so der klassische Karrieretyp ist, muss er tapfer den Großteil des Familieneinkommens bestreiten. Und da man mit dem Höchstbetrag des Elterngeldes nur schwer eine sechsköpfige Familie ernähren kann, kann er keine Elternzeit nehmen.

Das bedeutet also, dass er morgens die Kinder in die Schule bzw. in den Kindergarten bringt und dann zur Arbeit fährt. Dann sind das Baby und ich alleine. Das genieße ich auch wirklich sehr, dennoch fehlt mir eben mein Mann. Ich würde so gerne mit ihm die ruhigen Vormittage auskosten und jede Bewegung, jedes Geräusch und jede volle Windel unserer Kleinsten mit ihm teilen. Aber da funkt eben die Realität dazwischen.

Zu all dem kommt dann noch diese ganz besondere Atmosphäre, wenn man gerade ein Baby geboren hat. Alles ist auf einmal wie in Watte gepackt und gleichzeitig total verstärkt.

Die Zeit geht langsamer und schneller zugleich. Alles ist entschleunigt und gleichzeitig rennen einem die Tage nur so durch die Finger. Auf einmal ist sie 11 Tage alt. Die Nabelschnur ist auch schon abgefallen. Das erste Mal baden haben wir ebenfalls hinter uns.

Deine Wahrnehmung verändert sich radikal. Auf einmal fährt jedes Auto viel zu schnell an dir vorbei. Alle reden viel zu laut. Bei der ersten Autofahrt spürst du jede einzelne Unebenheit bis ins Mark. Jedes kleine Loch in der Straße wird zu einem riesigen Graben, der den Kinderwagen viel zu sehr durchschüttelt.

Die Sonne scheint auf einmal heller. Jedes Licht ist viel greller. Der Regen ist lauter. Alles erscheint in mindestens 1000%.

Diese erste Zeit mit einem neuen Baby ist so vieles. Bewegend. Verwirrend. Bezaubernd. Anstrengend. Entspannend. Chaotisch. Eine Berg-und-Talfahrt. Emotional. Wunderschön. Lustig. Traurig. Unglaublich kleine Füße, Hände und Ohren. Weiche Haut. Winzige Klamotten, die trotzdem zu groß sind. Schmerzen im Nacken. Schmerzende Brüste. Ein überquellendes Herz.

Bestimmt erlebt jeder diese Zeit ein bisschen anders. Aber eines ist sie sicherlich für jeden: einmalig.

Und genau deswegen lasse ich diesen Beitrag jetzt Beitrag sein und versuche nicht, ihn noch zu verbessern, sondern lege mich stattdessen mit meinem Baby auf dem Arm auf die Couch. ❤️

hyperschlecht

Wie fängt man an, über etwas zu schreiben, das einen wochenlang außer Gefecht gesetzt hat? Ich weiß es nicht so richtig. Deswegen habe ich diesen Post auch schon 26 Mal in meinem Kopf entworfen und dann wieder verworfen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, sich hinzusetzen und zu schreiben. So, nun aber der Reihe nach.

Ich bin schwanger mit meinem vierten Kind. An sich ist das ja eine tolle Nachricht. Jetzt, in Schwangerschaftswoche 21 kann ich das auch so empfinden und freue mich wahnsinnig auf dieses Baby. Aber bis vor zwei, drei Wochen sah die Welt noch ganz anders aus. Die dunkle Wolke, die mich beherrscht hat, heißt Hyperemesis gravidarum. Zu deutsch: die schwere Form der Schwangerschaftsübelkeit. Ja, genau das, was Herzogin Kate auch hat. Jeder, der auch darunter zu leiden hatte, kennt nur allzu schmerzlich den Unterschied zur normalen morning sickness. Für die Glücklichen, die davon verschont waren: das eine lässt sich mit dem anderen nur schwer vergleichen.

Hyperemesis spielt in einer ganz anderen Liga. Natürlich variiert das Krankheitsbild auch hier von Schwangerer zu Schwangerer, aber man kann es vielleicht so zusammenfassen:

  • die Übelkeit begleitet dich 24 h am Tag
  • der Zustand hält weit über die 12. SSW hinaus an
  • das Erbrechen kann dich so schwächen bzw. dehydrieren, dass du in der Klinik mit Infusionen versorgt werden musst
  • die meisten Schwangeren brauchen Medikamente, um diese Zeit überhaupt zu überstehen
  • dieser Zustand ist psychisch extrem belastend

So weit, so schlecht. Ich war leider in allen vier Schwangerschaften davon betroffen. Bei der ersten ging es bis zur 25. SSW, und ich habe in den ersten Wochen 6 kg abgenommen. Bei der zweiten ging es ’nur‘ bis zur 20., dafür lag ich aber eine zeitlang in der Klinik. Bei der dritten Schwangerschaft hielt das Erbrechen bis zur 18. SSW an und diesmal bis zur 19. SSW.

Für meinen Mann war übrigens schon immer klar, dass er vier Kinder haben wollte. Ich jedoch habe immer gezögert. Und zwar nicht, weil ich kein viertes Kind wollte, sondern weil ich schlicht und ergreifend irrsinnige Angst vor einer erneuten Schwangerschaft hatte. Jetzt, da das schlimmste überstanden ist, kann ich sagen, dass ich mich darüber freue, dass wir diesen kleinen ‚Unfall‘ hatten und ich quasi bewusst gar keine Entscheidung treffen musste. Denn das muss ich klar sagen: bei allem Elend habe ich nie an einen Schwangerschaftsabbruch gedacht. Aber das zu erklären ist gar nicht so leicht. In diesen 13 Wochen Dunkelheit (von der 6. bis zur 19. SSW) war mir irgendwie gar nicht so richtig bewusst, dass ich ein Baby in mir trage. Das klingt verrückt, ich weiß. Aber durch die mit den Symptomen einhergehende Depression konnte ich  gar nicht hinter diese Tür gucken. Ich war gefangen in einem dunklen Raum aus Übelkeit und Erbrechen. Es gab kein Baby in diesem Raum. Nur mich und meinen Körper. Und die Angst. Meine Gedanken kreisten darum, wie ich den Tag überstehen könnte. Morgens fing es damit an, dass ich einen Zeitpunkt abzupassen versuchte, an dem möglichst keines der Kinder in der Nähe der Toilette war, wenn ich mich erbrechen musste. Dann ging es weiter mit der Frage, welche Flüssigkeit denn an diesem Tag am wenigsten schlimm wäre. Wasser? Tee? Ingwersud? Und welches Essen würde wohl heute überhaupt irgendwie funktionieren? Denn das ist die einzige Regel, die (für mich) ganz sicher galt: Wenn ich gar nichts esse, wird es noch schlimmer. Ansonsten gab es so gut wie keine Regeln, was das Ganze noch einmal so unendlich viel schwerer machte. An einem Tag konnte ich einen Flammkuchen essen und dazu eine Fanta trinken und es war ok. Am nächsten Tag konnte es passieren, dass ich mir nach einem Zwieback und einem Schluck Fencheltee die Seele aus dem Leib gekotzt habe.

Wenn es einem so schlecht geht und man so oft es geht einfach auf der Couch vor sich hin vegetiert, googelt man natürlich und sucht Berichte von anderen Betroffenen. Vor Allem bei Instagram bin ich da fündig geworden. Dabei habe ich einige Posts von Frauen gefunden, denen es so ging wie mir oder sogar noch schlechter. Bilder von Eimern, Braunülen, Infusionsständern, etc. So schlimm das auch war, so sehr hat es mich natürlich getröstet, dass ich nicht alleine bin. Aber, was mich wirklich schockiert hat, waren die vielen Beiträge, die in einem fröhlich-tschilpenden Ton so Dinge verkündet haben wie: „Heute wieder ein echt schlechter Tag. Naja, da muss man halt durch. Lachender emoticon, Herz emoticon, Sonnen emoticon #hyperemesisgravidarum“ und dazu ein durchgestyltes Foto einer lächelnden Schwangeren. Oder Beiträge, bei denen IG-typische Fotos von opulenten Mahlzeiten gepostet wurden und dazu Kommentare wie „Nach diesem Essen ist die #hyperemesisgravidarum ein bisschen besser auszuhalten! Lachender emoticon“  Puh. Ich meine, ich fühle mich schon ein bisschen merkwürdig dabei, das zuzugeben, aber ich habe mich von solchen Posts verhöhnt gefühlt. Ich weiß, dass jeder seiner eigenen Wahrnehmung unterliegt, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Frauen das gleiche durchgemacht haben wie ich. Es ist ja auch völlig ok, wenn man sich nicht wochenlang beschissen fühlt! Glaubt mir, es ist sogar besser so! Die wirkliche Hyperemesis wünsche ich niemandem! Niemandem! Aber ich wünsche mir, dass man sorgsam mit diesem Thema umgeht. Wenn man nicht wirklich davon betroffen ist, sollte man sich vielleicht einfach zurückhalten. Auch mit Tips. Wenn ich einen Euro für jedes Mal bekommen hätte, da mich jemand fragte: „Hast du es denn schon mal mit Ingwer probiert? Soll helfen …“, dann könnte ich jetzt mit dem Geld ein schönes Wochenende irgendwo verbringen.

Ja, ich habe Ingwer ausprobiert. Ja, ich habe B-Vitamine probiert. Ja, ich kenne Vomex. Ja, ich kenne den Trick, erstmal einen trockenen Keks zu essen bevor man aufsteht. Ja, ich kenne Nux Vomica. Ja, ich habe nach dem Aufstehen erstmal einen Schluck lauwarmes Wasser getrunken. Ja, ich habe es mit Tee probiert. Ja, ich kenne Ipecacuanha. Ja, ich habe es mit ausschließlich warmem, bekömmlichem Essen versucht. Ja, ich habe an einer Zitrone gerochen. Ja, ich habe so ein blödes Akupressur-Armband. JA JA JA!

Wie gesagt, bei mir war das einzige, was sicher war, dass ich mich zum essen zwingen musste, denn sonst war ich völlig verloren. Dennoch ist mir auch das nicht immer gelungen. Manchmal war der Widerwille gegen das Essen einfach zu groß. Ansonsten habe ich es mit Akupunktur versucht. Es hat die Übelkeit nicht weggezaubert, aber es hat mir zumindest ein kleines bisschen Linderung und Entspannung verschafft. Meine Hebamme meinte jedoch auch, dass das einzige was wirklich helfen könnte, Ruhe und Entspannung sei. Das ist natürlich nicht gerade leicht zu bewerkstelligen, wenn ein Kind frisch in die dritte Klasse (= neue Lehrerin, neues Klassenzimmer, neue Ansprüche) kommt, das andere Kind eingeschult wird (alles neu!) und das dritte Kind Eingewöhnung im Kindergarten hat. Deswegen waren die ersten 4-5 Wochen nach den Sommerferien auch die schlimmsten überhaupt. Erst, als sich alles eingependelt hatte, und ich auch mal wieder 2-3 Stunden am Tag für mich hatte, ging es langsam bergauf. Nichtsdestotrotz konnte ich nach dem Sommerurlaub bis heute nicht mehr arbeiten gehen. Momentan arbeite ich nur von zu Hause. (Das ist mir auch nach wie vor ein Rätsel, wie Frauen mit Hyperemesis es schaffen, ihren Job weiterzumachen. Riesenrespekt an dieser Stelle.)

Der einzige Tip, den ich mir anmaßen würde, anderen Betroffenen zu geben ist der folgende: Besprecht mit eurer Frauenärztin/eurem Frauenarzt die Möglichkeit der Beantragung einer Haushaltshilfe. Zu mir kam an drei Tagen in der Woche eine Frau, die mir geholfen hat. Das war wirklich eine wahnsinnige Erleichterung! Wenn ihr also betroffen seid und die Möglichkeit dazu habt, nehmt diese Hilfe an! Ich fand die Vorstellung am Anfang zwar auch schwierig, dass jemand um mich herumwirbeln sollte, während ich im Bett lag, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Während der Zeit in der die Haushaltshilfe da war, ging es bei mir auch sichtlich bergauf. Das kann natürlich auch Zufall gewesen sein, aber mir hat es ungemein geholfen, dass jemand da war, der dieses äußere, belastende Chaos ein bisschen gebändigt hat.

Warum schreibe ich das eigentlich alles auf? Tja, es ist wohl wie so oft, wenn Menschen über Dinge schreiben, die sie belasten oder belastet haben: Man erhofft sich davon eine Art Therapie, dass man sich frei machen, vielleicht sogar abschließen kann mit diesem dunklen Kapitel. Im Englischen gibt es das schöne Wort closure. Das wünsche ich mir. Und ein bisschen gut fühlt es sich auf jeden Fall schon an. :)

Jetzt kann ich mich endlich wieder den schönen, sonnigen, bunten, wilden, fröhlichen, banalen Dingen des Lebens widmen und mich auf mein viertes Baby freuen. Yay!

Danke, dass ihr bis hierhin gelesen habt. ♡

Anna

 

 

P.S.: Es tut mir leid, dass manche von euch nun erst auf diesem Wege von Baby Nummer 4 erfahren haben …