Life Hacks für Eltern und solche die es werden wollen

Was Ofengemüse mit der Neugeborenenzeit zu tun hat? So einiges!

Hier sind meine – nicht wissenschaftlich belegten, sondern lediglich am eigenen Leib erprobten – Überlebensstrategien für die erste Zeit mit Baby.

Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er die Zeit mit Baby zu bewältigen hat. Nichts läge mir ferner. Aber es gibt natürlich einiges, was ich im Laufe von vier Schwangerschaften und vier Mal Neugeborenenzeit gelernt habe. Und das ist vor allem, die Feste so zu feiern wie sie fallen. Allgemein bin ich jemand, der ziemlich gut organisiert ist. Aber: das funktioniert mit Baby ja eben nicht immer so einwandfrei. Mein Survivaltipp für alle Eltern ist deswegen:

Do it while you can! 

Wenn das Baby gerade schläft, von Papa, Oma oder Onkel Eckbert gerade gut betreut ist, dann tue das, was dich später entlastet oder dir gut tut!

Irgendwie fällt es mir schwer zu beschreiben, was ich damit meine, ohne so Über-Mutter-Hausfrauen-mäßig zu erscheinen. Deswegen ein Beispiel: Nummer 1, 2 und 3 waren in der Schule bzw. im KiGa. Nummer 4 hatte ich hingelegt, da ich das Mittagessen vorbereiten wollte. Schnell, schnell ein paar Nudeln. Erstaunlicherweise war sie aber ganz zufrieden und ist sogar einfach so eingeschlafen. Deswegen habe ich die Gelegenheit genutzt und das Ofengemüse für das Abendessen schon geschält, kleingeschnitten, in Öl und Gewürze eingelegt und in den Kühlschrank gestellt. So konnte ich es abends einfach auf das Blech schütten – das geht nämlich auch mit nur einer freien Hand. 😑

Das ist aber auch ein eher „großes“ Beispiel für das was ich meine. Es geht mir auch um Kleinigkeiten. Vor allem Erstlings-Eltern werden doch oft verunsichert mit dem was man angeblich tun darf und was nicht …

Lasst das Baby ruhig noch kurz in der Babyschale schlafen

Ich finde es z.B. total ok, das Kind noch einige Minuten länger in der Babyschale schlafen zu lassen, um in Ruhe auf die Toilette gehen oder die Wäsche aufhängen zu können oder oder oder. Auch wenn es nicht gut für den Rücken der Babys ist. Keiner redet davon, das Baby stundenlang darin schlafen zu lassen. Aber wenn es weitere 5, 10 oder 20 Minuten darin liegt, ist das wirklich ok. Wäre die Autofahrt (durch beispielsweise einen Stau) länger gewesen, hätte das Baby es ja auch überlebt …

Manchmal schreien Babys 

Es ist auch ok, das Baby kurz schreien zu lassen. Man darf sogar kurz aus dem Zimmer gehen um durchzuatmen. Manchmal kommt man einfach so an seine Grenzen, dass es besser ist, einen Schritt zurück zu machen um sich wieder zu sammeln. Ein paar tiefe Atemzüge, einmal bis zwanzig zählen, ein kurzer Schrei, ein Stück Schokolade – whatever works. Und dann wieder zurück zum Baby und von vorne anfangen.

Eine volle Windel darf auch kurz warten

Man darf auch mit dem Wickeln noch kurz warten, wenn es etwas gibt, was jetzt gerade wichtiger ist. Natürlich macht man das nicht, wenn das Baby leidet oder sowieso total wund ist. Aber ansonsten finde ich: Wenn man noch zwei weitere Minuten braucht, um seinen Teller aufzuessen, dann darf man sich diese Zeit nehmen.

Verwöhne dein Kind. Oder auch nicht.

Man darf das Kind tragen, es auf dem Arm haben oder es sich auf den Bauch legen wenn man das will. Solange man will. Man darf es aber auch auf eine Decke, ins Bett oder in die Wippe legen. Nichts macht einen zu besseren oder schlechteren Eltern. Das, was für einen selbst und das Baby funktioniert ist das richtige. Und nicht das, was Tante Erna sagt („Du verwöhnst das Kind wenn du es die ganze Zeit trägst!“) oder was man in irgendeinem schlauen Buch gelesen hat.

Sei gut zu dir selbst 

Es ist auch ok, sich die Nägel zu lackieren, eine trashige Sendung im Fernsehen zu schauen oder durch Instagram zu surfen während das Kind schläft oder sonstwie zufrieden ist. Man muss nicht zwangsläufig etwas „wichtiges“ machen. Je zufriedener ich selbst bin, desto mehr Energie habe ich auch für mein Mamasein …

Bereite das vor, was vernünftig ist und dir später hilft bzw. dir etwas erleichtert. So wie in meinem Beispiel oben das mit dem Ofengemüse. Benutze den Rest der Zeit gerne für etwas sinnloses: etwas, das dich entspannt, dir gut tut und Freude bereitet.

Be smart

Ich finde es wichtig, unterscheiden zu lernen: Was machst du, weil es gut für dich ist und was machst du, weil du denkst das müsste so sein? Es ist WIRKLICH nicht wichtig, ob die Spülmaschine gerade voll ist oder der Boden gerade gewischt werden müsste, wenn du das Gefühl hast, dass du jetzt mit deinem Baby kuscheln musst.

Wenn es dich hingegen wahnsinnig stresst, dass es unordentlich oder dreckig ist, und du die Zeit, die du hast, lieber dafür nutzen möchtest um aufzuräumen, weil es dir danach besser geht, dann tu das! Aber tue es nicht, weil deine Schwiegermutter oder die Hebamme vorbeikommt und du denkst, dass es deswegen nicht so aussehen darf.

Lass dir helfen 

Wenn du Freundinnen hast, die schon Kinder haben, werden sie vielleicht automatisch vorbeikommen und dir helfen. Wenn nicht, bitte sie darum. Gerade im Wochenbett darf man sich umsorgen lassen. Dein Körper und dein Geist brauchen diese Zeit um zu heilen. Auch wenn die Geburt super war – eine immense Leistung ist es immer.

Besorge dir eine Hebamme, eine Doula, oder wenn es gar nicht mehr anders geht eine Haushaltshilfe. Ich habe bei allen vier Schwangerschaften unter Hyperemesis Gravidarum gelitten. Das ist die miese Form der Schwangerschaftsübelkeit. Während der vierten Schwangerschaft hat mir meine Frauenärztin eine Haushaltshilfe verschrieben. Das war eine sehr nette Frau, die drei Mal in der Woche zu uns nach Hause kam und geputzt, gewaschen und gekocht hat. Am Anfang fand ich den Gedanken schwierig, aber es war eine wahnsinnige Erleichterung und im Nachhinein die beste Entscheidung für mich, die Kinder und die ganze Familie.

Ergib dich, wenn es nicht anders geht 

Wenn es einer dieser Tage ist, an denen nichts geht: Ergib dich. Wenn dein Baby dich braucht, dann leg dich mit ihm hin. Manches kann man auch mit Baby schaffen, manches eben nicht. Meine persönliche Erfahrung ist, dass, je mehr ich versucht habe, gegen solche Launen/Bedürfnisse/Tage anzukämpfen, desto schlimmer wurde es. Es kann sehr schwierig sein, zu akzeptieren, dass man bestimmte Dinge zu bestimmten Zeiten einfach nicht tun kann. Gerade bei den ersten beiden Kindern war ich oft noch stur und habe versucht es trotzdem irgendwie hinzukriegen. Das endete meist in Frust, Tränen und mit einem wirklich schlechten Gefühl im Bauch.

Und auch wenn es schwer war, je mehr ich mich darauf eingelassen habe, desto besser wurde es. Manchmal reicht es, sich 15 Minuten mit dem Baby hinzulegen, so dass es ganz in Ruhe und Geborgenheit einschlafen kann. Wenn man Glück hat, kann man danach aufstehen und doch noch das erledigen, was man eigentlich vorhatte.

Versuche, es dir einfacher zu machen

Wir haben zum Beispiel die Wickelkommode im Bad stehen. So konnte ich mir von Anfang an in Ruhe die Zähne putzen oder mich schminken oder was eben sonst wichtig war. Über der Kommode hängt ein Heizstrahler, der auch in der kalten Zeit dafür gesorgt hat, dass wir das Baby nackt strampeln lassen konnten. Gut für das Baby, gut für die Haut im Windelbereich, gut für uns.

Eine Decke oder eine Wippe auf dem Boden vor der Dusche erleichtern es einem, duschen zu gehen. Auch wenn andere sagen, dass man das Baby doch ruhig in der Zeit alleine lassen kann … Wenn man das möchte: kein Problem. Aber wenn man sich besser fühlt, wenn man das Baby auch während des Duschens beobachten kann, dann ist das eben so.

Das Kindergeschirr hat bei uns in der Küche eine eigene Schublade. Unser Ältester kommt ja schon an alle Fächer dran, aber durch die Schublade weit unten konnte auch unser (zum Zeitpunkt der Geburt von Nummer 4) 3-Jähriger sich alleine eine Schüssel oder einen Becher holen.

Bereitet Essen vor, friert etwas ein, bestellt Pizza! Geht ins Lokal, holt euch Take-Away. Wenn ihr gerne mit dem Auto oder zu Fuß einkaufen gehen wollt und könnt: super! Wenn nicht: bestellt die Sachen und lasst sie euch liefern. Von Freunden, Verwandten oder dem Versandhandel.

Alles kann, nichts muss!

Und das wichtigste …

… versucht die Zeit zu genießen. Denn sie kann so vieles sein: aufreibend, emotional, toll, anstrengend, wundervoll, bezaubernd, anders, verwirrend, traurig, fröhlich, oder oder oder. Aber eines ist sicher: sie kommt nicht mehr wieder.

Und auch wenn die Nächte lang sind, die Jahre, die sind kurz.

 

 

SO. VIELE. GEFÜHLE.

Puh. Was sind das im Moment für emotionale Tage.

Vor elf Tagen habe ich mein viertes Kind geboren. Heute hätte sie eigentlich erst auf die Welt kommen sollen.

Heute ist aber auch der erste Todestag unseres geliebten Hundes. Er war bei uns, seit er ein kleiner Welpe war.  Als er starb, war er knapp elf Jahre alt. Das bedeutet fast elf Jahre Spaziergänge. Egal bei welchem Wetter. Fast elf Jahre Dreck, nasse Pfotenabdrücke und Hundehaare. Im Haus und im Auto. Fast elf Jahre immer der Hund im Hinterkopf. Was machen, wenn wir länger weg sind? Fast elf Jahre Urlaub mit Hund. Immer mit dem Auto. Immer dorthin wo er mitkommen durfte. Fast elf Jahre Rücksichtnahme und Kompromisse. Tierarztrechnungen, Futterkosten, Kacktüten.

Aber auch fast elf Jahre unbändige, unmittelbare und ungebremste Liebe. Linus war groß, schwarz und hat manchmal ziemlich gestunken, aber er war eine echte Seele von einem Hund. Kein Kind, kein Kindergeburtstag, kein noch so großes Geschrei konnten ihn aus der Ruhe bringen. Und auch wenn es ein Klischee ist: Es war einfach so schön, nach Hause zu kommen und zu wissen, dass er da sein und vor Freude ausrasten wird. Einfach nur, weil du heimkommst.

Die Liebe für meinen Hund war natürlich anders als die, die ich für meine Kinder empfinde. Aber dennoch bin ich auch ein Jahr später unendlich traurig und vermisse ihn wie wahnsinnig. Denn er war doch irgendwie unser erstes Kind. Er hat nie in unserem Bett geschlafen, wir haben ihn auch nicht vom Tisch gefüttert und auch sonst haben wir ihn wie einen Hund, nicht wie einen Menschen behandelt. Aber mit ihm durften mein Mann und ich üben, was es heißt, gemeinsam Verantwortung für etwas zu übernehmen. Wir konnten lernen, uns abzusprechen. Wir haben auch gelernt, dass wir uns gar nicht sonderlich oft absprechen müssen, da wir uns in Erziehungsfragen meistens einig sind. So hat uns unser Hund mit auf das Abenteuer Großfamilie vorbereitet. Auch deswegen werden wir ihn nie vergessen.

Zu diesen ganzen emotionalen Daten kommen aber auch noch so viele andere Gefühle.

Ich vermisse meinen Vater, der keines seiner bisher fünf Enkelkinder (meine vier + das Baby meiner Schwester) kennenlernen durfte.

Ich vermisse auch meinen Mann, der nach ein paar Tagen daheim wieder arbeiten gehen musste. Nicht, weil er das so gerne möchte, sondern weil er muss. Ich habe mir ja nicht ohne Grund einen emanzipierten Schweden ausgesucht ;) Aber da seine Frau – also ich – nicht so der klassische Karrieretyp ist, muss er tapfer den Großteil des Familieneinkommens bestreiten. Und da man mit dem Höchstbetrag des Elterngeldes nur schwer eine sechsköpfige Familie ernähren kann, kann er keine Elternzeit nehmen.

Das bedeutet also, dass er morgens die Kinder in die Schule bzw. in den Kindergarten bringt und dann zur Arbeit fährt. Dann sind das Baby und ich alleine. Das genieße ich auch wirklich sehr, dennoch fehlt mir eben mein Mann. Ich würde so gerne mit ihm die ruhigen Vormittage auskosten und jede Bewegung, jedes Geräusch und jede volle Windel unserer Kleinsten mit ihm teilen. Aber da funkt eben die Realität dazwischen.

Zu all dem kommt dann noch diese ganz besondere Atmosphäre, wenn man gerade ein Baby geboren hat. Alles ist auf einmal wie in Watte gepackt und gleichzeitig total verstärkt.

Die Zeit geht langsamer und schneller zugleich. Alles ist entschleunigt und gleichzeitig rennen einem die Tage nur so durch die Finger. Auf einmal ist sie 11 Tage alt. Die Nabelschnur ist auch schon abgefallen. Das erste Mal baden haben wir ebenfalls hinter uns.

Deine Wahrnehmung verändert sich radikal. Auf einmal fährt jedes Auto viel zu schnell an dir vorbei. Alle reden viel zu laut. Bei der ersten Autofahrt spürst du jede einzelne Unebenheit bis ins Mark. Jedes kleine Loch in der Straße wird zu einem riesigen Graben, der den Kinderwagen viel zu sehr durchschüttelt.

Die Sonne scheint auf einmal heller. Jedes Licht ist viel greller. Der Regen ist lauter. Alles erscheint in mindestens 1000%.

Diese erste Zeit mit einem neuen Baby ist so vieles. Bewegend. Verwirrend. Bezaubernd. Anstrengend. Entspannend. Chaotisch. Eine Berg-und-Talfahrt. Emotional. Wunderschön. Lustig. Traurig. Unglaublich kleine Füße, Hände und Ohren. Weiche Haut. Winzige Klamotten, die trotzdem zu groß sind. Schmerzen im Nacken. Schmerzende Brüste. Ein überquellendes Herz.

Bestimmt erlebt jeder diese Zeit ein bisschen anders. Aber eines ist sie sicherlich für jeden: einmalig.

Und genau deswegen lasse ich diesen Beitrag jetzt Beitrag sein und versuche nicht, ihn noch zu verbessern, sondern lege mich stattdessen mit meinem Baby auf dem Arm auf die Couch. ❤️

hyperschlecht

Wie fängt man an, über etwas zu schreiben, das einen wochenlang außer Gefecht gesetzt hat? Ich weiß es nicht so richtig. Deswegen habe ich diesen Post auch schon 26 Mal in meinem Kopf entworfen und dann wieder verworfen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, sich hinzusetzen und zu schreiben. So, nun aber der Reihe nach.

Ich bin schwanger mit meinem vierten Kind. An sich ist das ja eine tolle Nachricht. Jetzt, in Schwangerschaftswoche 21 kann ich das auch so empfinden und freue mich wahnsinnig auf dieses Baby. Aber bis vor zwei, drei Wochen sah die Welt noch ganz anders aus. Die dunkle Wolke, die mich beherrscht hat, heißt Hyperemesis gravidarum. Zu deutsch: die schwere Form der Schwangerschaftsübelkeit. Ja, genau das, was Herzogin Kate auch hat. Jeder, der auch darunter zu leiden hatte, kennt nur allzu schmerzlich den Unterschied zur normalen morning sickness. Für die Glücklichen, die davon verschont waren: das eine lässt sich mit dem anderen nur schwer vergleichen.

Hyperemesis spielt in einer ganz anderen Liga. Natürlich variiert das Krankheitsbild auch hier von Schwangerer zu Schwangerer, aber man kann es vielleicht so zusammenfassen:

  • die Übelkeit begleitet dich 24 h am Tag
  • der Zustand hält weit über die 12. SSW hinaus an
  • das Erbrechen kann dich so schwächen bzw. dehydrieren, dass du in der Klinik mit Infusionen versorgt werden musst
  • die meisten Schwangeren brauchen Medikamente, um diese Zeit überhaupt zu überstehen
  • dieser Zustand ist psychisch extrem belastend

So weit, so schlecht. Ich war leider in allen vier Schwangerschaften davon betroffen. Bei der ersten ging es bis zur 25. SSW, und ich habe in den ersten Wochen 6 kg abgenommen. Bei der zweiten ging es ’nur‘ bis zur 20., dafür lag ich aber eine zeitlang in der Klinik. Bei der dritten Schwangerschaft hielt das Erbrechen bis zur 18. SSW an und diesmal bis zur 19. SSW.

Für meinen Mann war übrigens schon immer klar, dass er vier Kinder haben wollte. Ich jedoch habe immer gezögert. Und zwar nicht, weil ich kein viertes Kind wollte, sondern weil ich schlicht und ergreifend irrsinnige Angst vor einer erneuten Schwangerschaft hatte. Jetzt, da das schlimmste überstanden ist, kann ich sagen, dass ich mich darüber freue, dass wir diesen kleinen ‚Unfall‘ hatten und ich quasi bewusst gar keine Entscheidung treffen musste. Denn das muss ich klar sagen: bei allem Elend habe ich nie an einen Schwangerschaftsabbruch gedacht. Aber das zu erklären ist gar nicht so leicht. In diesen 13 Wochen Dunkelheit (von der 6. bis zur 19. SSW) war mir irgendwie gar nicht so richtig bewusst, dass ich ein Baby in mir trage. Das klingt verrückt, ich weiß. Aber durch die mit den Symptomen einhergehende Depression konnte ich  gar nicht hinter diese Tür gucken. Ich war gefangen in einem dunklen Raum aus Übelkeit und Erbrechen. Es gab kein Baby in diesem Raum. Nur mich und meinen Körper. Und die Angst. Meine Gedanken kreisten darum, wie ich den Tag überstehen könnte. Morgens fing es damit an, dass ich einen Zeitpunkt abzupassen versuchte, an dem möglichst keines der Kinder in der Nähe der Toilette war, wenn ich mich erbrechen musste. Dann ging es weiter mit der Frage, welche Flüssigkeit denn an diesem Tag am wenigsten schlimm wäre. Wasser? Tee? Ingwersud? Und welches Essen würde wohl heute überhaupt irgendwie funktionieren? Denn das ist die einzige Regel, die (für mich) ganz sicher galt: Wenn ich gar nichts esse, wird es noch schlimmer. Ansonsten gab es so gut wie keine Regeln, was das Ganze noch einmal so unendlich viel schwerer machte. An einem Tag konnte ich einen Flammkuchen essen und dazu eine Fanta trinken und es war ok. Am nächsten Tag konnte es passieren, dass ich mir nach einem Zwieback und einem Schluck Fencheltee die Seele aus dem Leib gekotzt habe.

Wenn es einem so schlecht geht und man so oft es geht einfach auf der Couch vor sich hin vegetiert, googelt man natürlich und sucht Berichte von anderen Betroffenen. Vor Allem bei Instagram bin ich da fündig geworden. Dabei habe ich einige Posts von Frauen gefunden, denen es so ging wie mir oder sogar noch schlechter. Bilder von Eimern, Braunülen, Infusionsständern, etc. So schlimm das auch war, so sehr hat es mich natürlich getröstet, dass ich nicht alleine bin. Aber, was mich wirklich schockiert hat, waren die vielen Beiträge, die in einem fröhlich-tschilpenden Ton so Dinge verkündet haben wie: „Heute wieder ein echt schlechter Tag. Naja, da muss man halt durch. Lachender emoticon, Herz emoticon, Sonnen emoticon #hyperemesisgravidarum“ und dazu ein durchgestyltes Foto einer lächelnden Schwangeren. Oder Beiträge, bei denen IG-typische Fotos von opulenten Mahlzeiten gepostet wurden und dazu Kommentare wie „Nach diesem Essen ist die #hyperemesisgravidarum ein bisschen besser auszuhalten! Lachender emoticon“  Puh. Ich meine, ich fühle mich schon ein bisschen merkwürdig dabei, das zuzugeben, aber ich habe mich von solchen Posts verhöhnt gefühlt. Ich weiß, dass jeder seiner eigenen Wahrnehmung unterliegt, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Frauen das gleiche durchgemacht haben wie ich. Es ist ja auch völlig ok, wenn man sich nicht wochenlang beschissen fühlt! Glaubt mir, es ist sogar besser so! Die wirkliche Hyperemesis wünsche ich niemandem! Niemandem! Aber ich wünsche mir, dass man sorgsam mit diesem Thema umgeht. Wenn man nicht wirklich davon betroffen ist, sollte man sich vielleicht einfach zurückhalten. Auch mit Tips. Wenn ich einen Euro für jedes Mal bekommen hätte, da mich jemand fragte: „Hast du es denn schon mal mit Ingwer probiert? Soll helfen …“, dann könnte ich jetzt mit dem Geld ein schönes Wochenende irgendwo verbringen.

Ja, ich habe Ingwer ausprobiert. Ja, ich habe B-Vitamine probiert. Ja, ich kenne Vomex. Ja, ich kenne den Trick, erstmal einen trockenen Keks zu essen bevor man aufsteht. Ja, ich kenne Nux Vomica. Ja, ich habe nach dem Aufstehen erstmal einen Schluck lauwarmes Wasser getrunken. Ja, ich habe es mit Tee probiert. Ja, ich kenne Ipecacuanha. Ja, ich habe es mit ausschließlich warmem, bekömmlichem Essen versucht. Ja, ich habe an einer Zitrone gerochen. Ja, ich habe so ein blödes Akupressur-Armband. JA JA JA!

Wie gesagt, bei mir war das einzige, was sicher war, dass ich mich zum essen zwingen musste, denn sonst war ich völlig verloren. Dennoch ist mir auch das nicht immer gelungen. Manchmal war der Widerwille gegen das Essen einfach zu groß. Ansonsten habe ich es mit Akupunktur versucht. Es hat die Übelkeit nicht weggezaubert, aber es hat mir zumindest ein kleines bisschen Linderung und Entspannung verschafft. Meine Hebamme meinte jedoch auch, dass das einzige was wirklich helfen könnte, Ruhe und Entspannung sei. Das ist natürlich nicht gerade leicht zu bewerkstelligen, wenn ein Kind frisch in die dritte Klasse (= neue Lehrerin, neues Klassenzimmer, neue Ansprüche) kommt, das andere Kind eingeschult wird (alles neu!) und das dritte Kind Eingewöhnung im Kindergarten hat. Deswegen waren die ersten 4-5 Wochen nach den Sommerferien auch die schlimmsten überhaupt. Erst, als sich alles eingependelt hatte, und ich auch mal wieder 2-3 Stunden am Tag für mich hatte, ging es langsam bergauf. Nichtsdestotrotz konnte ich nach dem Sommerurlaub bis heute nicht mehr arbeiten gehen. Momentan arbeite ich nur von zu Hause. (Das ist mir auch nach wie vor ein Rätsel, wie Frauen mit Hyperemesis es schaffen, ihren Job weiterzumachen. Riesenrespekt an dieser Stelle.)

Der einzige Tip, den ich mir anmaßen würde, anderen Betroffenen zu geben ist der folgende: Besprecht mit eurer Frauenärztin/eurem Frauenarzt die Möglichkeit der Beantragung einer Haushaltshilfe. Zu mir kam an drei Tagen in der Woche eine Frau, die mir geholfen hat. Das war wirklich eine wahnsinnige Erleichterung! Wenn ihr also betroffen seid und die Möglichkeit dazu habt, nehmt diese Hilfe an! Ich fand die Vorstellung am Anfang zwar auch schwierig, dass jemand um mich herumwirbeln sollte, während ich im Bett lag, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Während der Zeit in der die Haushaltshilfe da war, ging es bei mir auch sichtlich bergauf. Das kann natürlich auch Zufall gewesen sein, aber mir hat es ungemein geholfen, dass jemand da war, der dieses äußere, belastende Chaos ein bisschen gebändigt hat.

Warum schreibe ich das eigentlich alles auf? Tja, es ist wohl wie so oft, wenn Menschen über Dinge schreiben, die sie belasten oder belastet haben: Man erhofft sich davon eine Art Therapie, dass man sich frei machen, vielleicht sogar abschließen kann mit diesem dunklen Kapitel. Im Englischen gibt es das schöne Wort closure. Das wünsche ich mir. Und ein bisschen gut fühlt es sich auf jeden Fall schon an. :)

Jetzt kann ich mich endlich wieder den schönen, sonnigen, bunten, wilden, fröhlichen, banalen Dingen des Lebens widmen und mich auf mein viertes Baby freuen. Yay!

Danke, dass ihr bis hierhin gelesen habt. ♡

Anna

 

 

P.S.: Es tut mir leid, dass manche von euch nun erst auf diesem Wege von Baby Nummer 4 erfahren haben …