Du sagst

Du fragst: Hast du denn auch mal im Internet ein bisschen was Kritisches zur aktuellen Situation nachgelesen?

Ich frage: Hast du mir zugehört, als ich dir von meiner persönlichen Situation erzählt habe? Von meinen Ängsten? Meinen Sorgen?

Du sagst: Na komm, an der Grippe sterben auch jedes Jahr unzählige Menschen und kein Hahn kräht danach.

Ich sage: Es ist leicht so zu reden, solange du nicht persönlich davon betroffen bist. Was aber, wenn deine Oma sich infiziert?

Du sagst: Ganz ehrlich, meiner Meinung nach sind diese ganzen Maßnahmen wahnsinnig übertrieben.

Ich sage: Ok, dann ruf doch mal in einem Krankenhaus in der Lombardei an und sprich mit den Ärzten*innen dort. Ich bin mir sicher, dass auch sie dieses ganze flatten-the-curve für völlig übertrieben halten.

Du sagst: Es gibt wirklich viele Ärzte, die das ganz anders sehen. Aber denen wird ja der Mund verboten.

Ich sage: Es ist gut, dass es in unserem Land möglich ist, seine Meinung frei zu äußern. Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss nicht automatisch, dass jede Meinung es wert ist, an die große Öffentlichkeit zu gelangen …

Du sagst: Ganz ehrlich, die ganzen Leute, die bisher gestorben sind, hatten doch eh schon eine andere Krankheit und wären sowieso gestorben.

Ich sage: Ja, vermutlich wäre der ein oder andere auch ohne das Virus früher oder später gestorben. Aber auch wenn du nur noch fünf Jahre zu leben hast, willst du doch nicht binnen 14 Tagen sterben, oder?

Du fragst: Warum machst du dich eigentlich so verrückt? Du bist doch nicht alt und kein Risikopatient.

Ich sage: Weißt du, ich muss nicht direkt in Gefahr sein um verhindern zu wollen, dass sich das Virus weiter verbreitet. Denn glaub mir, keiner, egal ob alt oder jung, will in einem Krankenhausbett ersticken.

Du sagst: Ich glaube ja, dass das Alles schlicht eine große Verschwörung ist.

Ich sage: Weißt du, selbst wenn das Ganze ein riesiges Komplott ist – das, was für mich zählt, ist unsere Situation und wie wir das Beste daraus machen können.


Du darfst jetzt gerne über mich denken: „Na, die glaubt aber auch alles was die Medien ihr vorsetzen! Die sollte wirklich auch mal ein paar kritische Stimmen im Internet nachlesen!“

Denn ich denke: Ich stehe dann auf, wenn es wirklich zählt. Gegen Rassismus zum Beispiel. Ich erhebe dann meine Stimme, wenn es wirklich darauf ankommt. Wenn Menschen im Vorbeigehen unfreundliche Dinge murmeln zum Beispiel. Ich werde dann laut, wenn unter dem Deckmantel des Humors frauenfeindliche Statements fallengelassen werden.

Aber bei Verschwörungstheorien, bei „das habe ich im Internet gelesen“-Aussagen, weitergeleiteten Experten-Beiträgen (die natürlich nur nicht an die große Öffentlichkeit gelangen, weil die Regierung das zu verhindern weiß!), oder bei plumpen Phrasendreschereien, da bin ich raus. Das ist nichts, wofür ich meine Energie einsetzen will oder kann.

Denn was für mich zählt, ist das Hier und Jetzt. Meine Situation. Unsere Situation. Was mich interessiert, ist, wie es für meine Kinder weitergeht. Wann sie wieder in die Schule können. Wie wir das mit dem Homeschooling besser hinbekommen. Ich mache mir Gedanken darüber, wann meine beiden kleineren Kinder wieder in die KiTa dürfen. Und ob es dann wieder wie bei der Eingewöhnung wird. Ich frage mich, ob mein kleiner Sohn überhaupt eingeschult werden kann. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie mein Mann und ich es schaffen können eine HomeofficeHomeschoolingKochenEssenBetreuungsEinkaufensNichtdurchdrehen-Routine zu schaffen.

Ich versuche zu verstehen, warum die Bundesregierung so handelt wie sie handelt. Ich versuche zu ergründen, warum ich das Gefühl habe, dass Familien nicht richtig gesehen werden. Ich versuche mir den Mangel an kreativen Lösungen zu erklären. Ich versuche, den Leopoldina-Expertenrat nicht nur nach Geschlecht, Status und Alter zu beurteilen – denn das ist schließlich etwas, das ich für mich auch nicht möchte. Ich wünsche mir dennoch mehr Diversität – in vielerlei Hinsicht. Ich versuche in meinen Kopf zu bekommen, warum eines der reichsten Länder der Welt eine solch rückschrittliche Bildungspolitik fährt. Ich versuche zu verstehen, warum wir aus technologischer Sicht ebenfalls weit hinter vergleichbaren Ländern zurückliegen.

Ich hoffe, dass sich eine Revolution anzetteln lässt: Eine bildungspolitische! Eine digitale! Eine pädagogische! Eine familienpolitische! Ich hoffe. Ob ich auch daran glaube? Njää … Ich hoffe jedoch, dass zumindest in den Köpfen der Menschen ein Umdenken stattfindet.

Das ist also das was mich umtreibt. Und dabei ist es ziemlich egal, wer das Virus warum in die Welt gesetzt hat. Oder ob es am Ende nicht doch einfach ein Virus ist, das durch einen dummen Zufall den Weg vom Wildtier zum Menschen gefunden hat.

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